(Wenn Sie auf dieses Bild clicken, erhalten Sie weiterführende Informationen zum Thema Accessibility)
Jeder Mensch soll am öffentlichen und privaten Leben gleichberechtigt teilnehmen können. Er soll frei wählen können, was und wie er arbeiten will, jede und jeder soll freien Zugang zu den Bereichen und Instrumenten haben die er und sie braucht. Jede und jeder soll einkaufen können wie und wann es ihr oder ihm passt, niemand darf beim Reisen diskriminiert werden. Kurz: Jeder Mensch soll ernst genommen und respektiert werden, mit dem sind wir doch alle einverstanden. Leider ist, wie oft, die Realität ein andere.
Accessibility Day - ICT für alle
Am ersten Accessibility Day in Zürich sprachen Fachleute und Betroffene zum Thema “Informations- und Kommunikationstechnologien für alle”. Organisiert wurde der sehr gut besuchte Event im Rahmen der informatica08 von der Credit Suisse, der Schweizerischen Informatikgesellschaft und der Stiftung für alle.
Dass Menschen diskriminiert werden wissen wir und nehmen es in hin. Accessibility ist teuer, barrierefreie Webseiten und Applikationen sind für eine Minderheit, Zugang für alle, ja aber später beim zukünftigen Redesign, vielleicht…
(Alex Oberholzer, Journalist, photo by Tomas Caspers)
In der Schweiz ist alles bestens organisiert, auch die behinderten Mitmenschen sind gut versorgt - mit speziellen Angeboten, Wohngruppen, Werkstätten etc. Das ist sehr positiv, hat aber seine Kehrseiten, diese Menschen sind nicht mehr sichtbar und nicht wirklich in den “normalen” Alltag integriert - “Aus den Augen aus dem Sinn” so der Tagesleiter Alex Oberholzer in seiner Einstiegsrede und er sagte sinngemäss: “Wir sind Störefriede und nicht stromlinienförmig, wir fordern was uns zusteht”. Diese Haltung macht Mut und dahinter steht ein Kraft, die allen dient, auch uns, den Nicht-Behinderten.

(links: René Jaun, “Zugang für alle” Experte, rechts: Alireza Darvishy, Center of Accessibility, Credit Suisse, photos by Tomas Caspers)
Accessibility in der Praxis
Was eine barrierefreie Webseite für Blinde ist, demonstrierte René Jaun von der Stiftung “Zugang für alle”. Mithilfe eines Screenreaders ist es für Blinde möglich, Webseiten zu hören, dazu müssen die technischen Voraussetzungen stimmen. Ein gutes Beispiel sind die Schweizerischen Bundesbahnen, www.sbb.ch und ein weniger optimales, die Webseite des zweitgrössten Detailhändlers der Schweiz, www.coop.ch. Das Unternehmen vertröstete Jaun auf später - mit dem Redesign ca. 2011 ist auch Barrierefreiheit geplant, nur möchte René Jaun heute einkaufen…
Böse Absichten kann und darf man den Unternehmen nicht unterstellen, die keine barrierenfreien Informations- und Kommunikationstechnologien zur Verfügung stellen. Es gibt schlicht kein nötiges Druckmittel. Sprich kein verbindliches Gesetz, das zur Barrierefreiheit verpflichtet, es gibt nur Empfehlungen und Absichtserklärungen. Das Volk selbst, in der Schweiz der oberste Souverän, hat 2003 das Behinderungsgleichstellungsgesetz mit grosser Mehrheit abgelehnt. Dieses Gesetz hätte die nötigen Verbindlichkeiten geschaffen.
Wir sind trotzdem barrierefrei!
Einblicke wie ein grosses Unternehmen, die Schweizer Post, accessible werden kann, zeigten Gundekar Giebel und Isabelle Haas. Als öffentlicher, bundesnaher Betrieb muss die Post Zugang für alle Kunden gewähren und hat dies auch umgesetzt. Quasi nebenbei wurde der gesamte Content aktualisiert und aufs Wesentliche reduziert auch die Suchmaschienoptimierung wurde verbessert. Davon profitieren letztlich alle Kunden und das Unternehmen selbst.
Die Credit Suisse als privates Unternehmen und Bankdienstleister positioniert sich mit ihrem Engagement für Accessibility. Dieses Unternehmen versteht die Zeichen der Zeit. “Wenn eine Bank sich für so was einsetzt muss es ja wichtig sein” habe ich während der Fachtagung gehört. Dass persönliche Betroffenheit eine treibende Kraft für die Realisierung von Accessibility sein kann, sah das Publikum mehrmals in eindrücklicher Weise.

(links: Luzia Haven, namics, rechts: Gebärdensprache-Dolmetscherin, photos by Tomas Caspers)
Internet für ALLE - eine Anforderung!
Luzia Haven sprach von ihrer praktischen Erfahrung bei der Umsetzung von barrierefreien Internetprojekten. Technik und Design sind als gleichwertig zu berücksichtigen, beide müssen Barrierefreiheit unterstützen, sonst nützen die besten Absichten nichts.

(WCAG 2.0 oder Warum alle Kühe in der Schweiz braun sind…,Tomas Caspers)
Tomas Caspers, Freier Berater und Accessibility-Aktivist, führte in die neuen Web Accessibility Standard WCAG 2.0 ein. Von einem Einzel-Phänomen eine Regel abzuleiten kann gefährlich sein. Standarts können helfen aber nur wenn sie sinnvoll erstellt, eingesetzt und mit Verstand interpretiert werden. Wie barrierefreie PDF’s produziert werden erläuterte Roberto Bianchetti. Das dies wichtig ist, demonstrierte sogleich René Jaun.
Die Forschung und Ausbildung
Oft wissen die Behindertenbetreuer nicht, welche Möglichkeiten den Behinderten zur Verfügung stehen. Diese Informationslücke zu schliessen ist das Anliegen von Klaus Miesenberger, Professor an der Universität Lienz. Aber nicht nur das, die Universität bietet eine Ausbildung in “Barrierefreies Web-Design” an. Das berufsbeleitende Fernstudium ist für Behinderte und Nichtbehinderte, gegenseitig werden Kompetenzen vermittelt und gestärkt. Peter Früh von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften präsentierte ein Projekt, das es Blinde ermöglicht, mit ihrem Mobiltelefon möglichst barrierefrei zu Reisen.
Warum schreibt EDO darüber? Design kann diskriminieren. Dort wo sich Design über die Bedürfnisse von Senioren, Kindern, anderer Kulturen oder Behinderten hinwegsetzt, verfehlt es letztlich seinen Zweck, den Dingen die richtige Form zu geben. Dasselbe gilt für die Technik oder beim Schaffen von Konzepten. Denn jeder Mensch soll frei und gleichberechtigt am öffentlichen und privaten Leben teilnehmen können.
EDOssier: Weiterführende Informationen zum Thema Accessibility in der Schweiz:
Bei Schweizer Stiftung zur behindertengerechten Technologienutzung “Zugang für Alle”
und Ihrem Blog sind die Präsentationen, Webcasts sowie weitere Informationen und Kontakte der oben erwähnten Organisationen und Personen zu finden.
Im Rahmen des ersten Schweizer Accessibility Day wurde die Fachgruppe “Accessibility” gegründet. Hier Info zur Schweizer Informatikgesellschaft und Fachgruppe
EDO bedankt sich bei Tomas Caspers für die Bilder, weitere Accessibility Day Bilder sind zu sehen auf http://www.flickr.com (als tag accessibilitydayzürich eingeben).
Im September findet in Basel das 2. internationale Kurzfilmfestival mit Filmen zum Thema Behinderung statt. Hier Info zum look&roll
Posted in Essays and Reports, Technology, Resources and Books, Flickr, Accessibility |
June 26th, 2008 at 6:29 am
[…] Blogbeitrag von Mario Giudici […]